Wencke Myhre und Kampen Symphonic Band zu Gast in Germering 2009

aus Süddeutsche Zeitung:

Der Wirbelsturm aus Norwegen
Wencke Myhre und das Kampen Janitsjar Orkester in der Stadthalle Germering

Norwegische Sprachfetzen klingen durch das Foyer der Stadthalle, vereinzelt sind Fähnchen mit dem blauen, weißumrandeten Kreuz auf dem roten Grund zu entdecken. Eine Tracht aus der Region Telemark fällt besonders ins Auge. Der bleischwere Saum verhilft dem Rock im Drehen zum richtigen Schwung. Rund wie ein Teller schwebt er auf Taillenhöhe, dazu blinkt die fein ziselierte Silberbrosche.

Spätestens als die 85 Mann des Kampen Janitsjar Orkester aus Oslo in ihren Schiffskapitänsuniformen den nur zu zwei Drittel gefüllten Saal mit ihren Blasinstrumenten erzittern lassen, stellt sich beim Publikum ein norwegisches Gefühl ein. Nur eines fehlt zum vollendeten Glück: Wencke Myhre, der Stargast des Abends.

"Die macht sich rar", grummelt eine Zuhörerin in der Pause. "Das Alter", mutmaßt sie, 62 Jahre, "vielleicht hält sie nicht mehr so lange durch?". Aber dann, kurz vor der Pause, knapp eineinhalb Stunden sind schon vergangen, tritt sie in lilafarbener Samttunika und draller Dirndlblusen-Korsage auf der Bühne auf. Elektrisierend und erlösend zugleich, wie das 1:0 im Fußball kurz vor dem Halbzeitpfiff. Natürlich, wie könnte es anders sein, mit dem "knallroten Gummiboot". Ein wohl kalkulierter Treffer, die ersten schüchternen Standing Ovations sind der Lohn. Insgesamt drei Mal an diesem Abend wird sie das rote Ding aufblasen, welcher Profi verzichtet schon gerne auf einen derartigen Selbstläufer?

Dennoch, kaum jemand im Publkum ist in der Pause enttäuscht. Dafür sorgt schon das größte Amateurblasorchester Norwegens, gespickt mit exzellenten Solisten und Musikern unter dem Dirigenten Frode Thingnes, er selbst Komponist und Posaunist in Sachen Jazz. Das Repertoire reicht von Blasmusik über Jazzstandards bis hin zu Sambarhythmen. Ein Übriges tut der zusammen mit der Germeringer Stadtkapelle, gut 130 Mann drängeln sich auf der Bühne, schneidig intonierte Radetzkymarsch, eine Klatschsymphonie für sich. Vollends zufrieden zeigte sich auch der 30-köpfige Wencke-Myhre-Fanclub, auf den anschließend noch ein Treffen mit der Künstlerin wartet.

Weichgespülte Texte? Klar, es geht um den Sonntag im Bett, "gemütlich und nett", oder um die Falle "Männer". Eines muss man dem norwegischen Wirbelwind Wencke Myhre jedoch lassen; sie stemmt sich mit ungeheurer Bühnenpräsenz, Temperament und einer rauchigen, tiefen Stimme erfolgreich gegen die Bigband und überzeugt das Publikum. Am Ende schmilzt nicht nur der erstaunlich junge Fanclub dahin. Einige fluoreszierende Stäbe und Armbänder wiegen sich sanft im Takt der Melodie. Der Refrain "wir leben" klingt wie eine trotzige Hymne. Angereiste Schwärmer überreichen einzeln rote Rosen. Nach so einem Abend kann man jedenfalls gut schlafen.

EDITH SCHMIED

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